"Auch die Suche nach Auffälligkeiten in der Entstehungsgeschichte
der Baader-Meinhof-Gruppe führt schnell zu der Erkenntnis,
daß zum Beispiel das Landesamt für Verfassungsschutz in
Berlin über das Geschehen stets bestens im Bild war. Zum einen war
der Verfassungsschutz unmittelbar nach der Befreiung Andreas Baaders,
dem zur Anfertigung einer wissenschaftlichen Arbeit der bewachte Besuch
eines Instituts genehmigt worden war, über die bei der
Aktion benutzten Pkws und deren Abstellplätze informiert.
Vermutlich wußte man amtlicherseits auch um das Versteck, wollte
jedoch nicht eingreifen. Eine der größten Stützen der
sich immer weiter radikalisierenden Studentenszene war Peter Urbach,
Mitglied der SED und bei der unter DDR-Hoheit stehenden Reichsbahn in
Westberlin angestellt. Urbach war zunächst auf Teilzeit, dann
vollamtlich beim Verfassungsschutz in Westberlin beschäftigt. Er
nahm an allen wichtigen Besprechungen der studentischen Gruppen teil
und lieferte unbehindert aus den Waffenkammern des Verfassungsschutzes
die zum Krawall und Terror benötigten Knallkörper,
Rohrbomben, Schreckschußpistolen, aber auch großkalibrige
Waffen. Darüber hinaus beschaffte er der Szene Haschisch und harte
Drogen.
Als die Studenten den Springer-Verlag angriffen, war Urbach mit einem
Weidenkorb voller zündfertiger, sozusagen vom Verfassungsschutz
gesponserter Molotow-Cocktails zur Hand. Die Studenten bedienten sich
und setzten, von der Polizei zunächst nicht behindert, zahlreiche
Springer-Auslieferungsfahrzeuge in Brand. Um so dramatischer machte
sich später auf den Fernsehschirmen der Bürger das hell
lodernde, Chaos signalisierende Feuer aus. Als unten auf der
Straße der Agent, Provocateur des Verfassungsschutzes, die
Brandsätze verteilte, stand der für den Verfassungsschutz
zuständige Innensenator auf dem Dach des Hochhauses und schaute
dem durch das Treiben seines hochkarätigen Agenten
ausgelösten Großbrand mit anschließend gewaltsamem
Polizeieinsatz zu." (1)
Der SZ-Journalist und Autor Willi Winkler (Die Geschichte der RAF)
äußerte sich in einem Interview auch zu diesem Fall:
„Es gab diesen agent provocateur, Peter Urbach, der schon in der
Kommune 1 wirkte. Die Polizeiführung, in Sonderheit der Berliner
Innensenator Neubauer, hatte ein Interesse daran, objektive Beweise für
die Gewalttätigkeit der Studenten zu finden, was lange nicht gelingen
wollte. Die Studenten hatten keine Waffen, sie waren pazifistisch, bis
Urbach ihnen die Molotow-Cocktails in die Hand drückte. Urbach lieferte
Mahler, der als Anwalt vergeblich einen Waffenschein beantragt hatte,
auch eine Knarre. So kriminalisiert man seinen Gegner, so baut man ihn
auf. In der Berliner Polizei befanden sich, wiederum Forschungsergebnis
[von Tilman] Fichter, reichlich Wehrmachtsangehörige, die an der
Ostfront in der Partisanenbekämpfung eingesetzt waren. Die gingen nun
auf die Studenten los.“ (2)
Erst im Jahr 2005 wurde durch ein Buch des Historikers Wolfgang
Kraushaar (siehe Literatur) bekannt, dass Urbach auch die Bombe für das
Attentat auf das jüdische Gemeindehaus West-Berlin am 9. November 1969
geliefert hatte. Die Bombe war nur wegen einer überalterten Zündkapsel
nicht explodiert, der Zeitzünder hatte ausgelöst. Laut eines damaligen
Gutachtens der Sprengstoffexperten der Berliner Polizei, die einen
Nachbau zur Explosion brachten, hätte die von Urbach gelieferte Bombe
„das Haus zerfetzt“ und unter den 250 Teilnehmern der
Gedenkveranstaltung zu den Novemberpogromen viele Opfer gefordert (3).
Unter den Anwesenden befanden sich auch der Berliner Bürgermeister und
der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski. Die Berliner
Behörden kannten durch Urbach die Namen der Täter. Sie wurden in dem
Schlussbericht der Sonderkommission auch genannt, der der
Staatsanwaltschaft übergeben wurde. Diese erhob jedoch zum Erstaunen
der beteiligten Polizisten keine Anklage. Der damals zuständige
Staatsanwalt wollte sich auch im Jahr 2005 noch nicht zu den Vorgängen
äußern (4). Laut einem Erklärungsversuch für den ungewöhnlichen Vorgang
wäre bei einem Gerichtsverfahren auch Urbachs Rolle bekannt geworden,
was die Behörden verhindern wollten.
Urbach wurde nach der Verhaftung von Andreas Baader am 4. April 1970
endgültig als Spitzel enttarnt. Später wurde er vom Berliner
Verfassungsschutz außer Landes gebracht und mit einer neuen Identität
ausgestattet, einer der "unglaublichsten Skandale des
bundesrepublikanischen Staatswesens", so der Historiker Gerd Koenen.
(3)
Quellen:
(1) Andreas von Bülow : Im Namen des
Staates. S. 452 f.
(2) Michael Angele: Sie küssten und sie schlugen ihn.
Interview mit Willi Winkler. Netzeitung, 10. februar 2006.
(3) Gerd Koenen: Rainer, wenn du wüsstest! Der Anschlag auf die
Jüdische Gemeinde am 9. November 1969 ist nun aufgeklärt - fast. Was
war die Rolle des Staates? Berliner Zeitung, 6. Juli 2005.
(4) Steffen Mayer und Susanne Opalka: Bombenterror gegen jüdische
Gemeinde – nach 30 Jahren packt der Täter aus. rbb-online, 10. November
2005.
Literatur:
- Michael "Bommi" Baumann: Wie alles anfing. Mit einem Vorwort
von Heinrich Böll und einer Nachbemerkung von Michael Sontheimer.
- Berlin: Rotbuch-Verlag, 1991, ISBN 3867890005
- Ulrich Enzensberger: Die Jahre der Kommune I: Berlin 1967-1969.
Goldmann, 2006, ISBN 3442153611
- Gerd Koenen: Vesper, Baader, Ensslin: Urszenen des deutschen
Terrorismus. Kiepenheuer & Witsch, 2003, ISBN 3596156912
- Wolfgang Kraushaar: Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus.
Hamburger Edition, 2005, ISBN 3936096538
- Günter Langer: Der Berliner ‚Blues’: Tupamaros und
umherschweifende Haschrebellen zwischen Wahnsinn und Verstand.
Onlineversion bei infopartisan.net. in: Eckhard Siepmann u.a. (Red.),
Che Schah Shit: Die Sechziger Jahre zwischen Cocktail und Molotow,
Rowohlt, 1988, S. 195-203, ISBN 3885200600.
Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Urbach
Auch Neonazigruppen sind oft Steuerungsinstrumente der Geheimdienste,
siehe: http://www.infokrieg.tv/neonazis_instrument_der_geheimdienste_240207.htm