Es ist außergewöhnlich schwer, die
Erlaubnis zu erhalten, einmal eine Nacht in der Großen Pyramide
verbringen zu dürfen. Nur wenige hatten bisher diese Gelegenheit. Die
Eindrücke während solcher Aufenthalte müssen wahrhaft unheimlich sein.
Zu Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts fand der englische
Schriftsteller, der Indien- und Afrikaforscher Paul Brunton offenbar
den richtigen Dreh, die ägyptischen Behörden für sein Vorhaben zu
gewinnen. Zwar hatte auch er einige Behördenlauferei hinter sich zu
bringen, doch schließlich gestaltete ihm dann der Kommandant der
Kairoer Stadtpolizei EI Leva Russel Pascha höchstpersönlich die
Übernachtung in der Pyramide. Auch wenn Brunton dabei nicht einmal mit
Halbpension rechnen durfte. war er verständlicherweise überglücklich.
Immerhin hatte offiziell seit hundert Jahren niemand mehr in der
Pyramide übernachtet. Paul Brunton marschierte übrigens zuerst ins
Ministerium für Ägyptische Altertümer, um eine Erlaubnis zu erhalten.
Spätestens dort wurde ihm klar, wie ungewöhnlich sein Plan offenbar
war: »Hätte ich um die Erlaubnis nachgesucht, zum Mond zu fliegen, dann
würde das Gesicht des Beamten kaum eine noch größere Verblüffung
verraten haben«, schreibt Brunton in seinen Erinnerungen.
Wie immer wurde bei Sonnenuntergang das feste Eisentor am Eingang der
Großen Pyramide verschlossen, nur an jenem Abend mit dem Unterschied,
dass Paul Brunton sich im Inneren des Kolosses befand. Die
Verantwortlichen sagten ihm, sie könnten da keine Ausnahme machen und
müssten ihn einsperren. Major Mackersey, Chef der Polizeistation von
Mena, meinte am Abend noch scherzhaft zu Brunton: »Wir übernehmen ein
Risiko, wenn wir Sie da eine ganze Nacht alleine lassen. [...]
Die Stimmung war unheimlich. Immer wieder flatterten Fledermäuse
auf und warfen gespenstische Schatten im Lichtkegel von Bruntons Lampe.
Natürlich verstärkte sich die düstere und so gruslige
Atmosphäre noch durch die Gerüchte, wie sie bis heute im
Umlauf sind. Da ging das Wort von Totenseelen und Geistern, die dort in
der Nacht lebendig würden. Wer sich noch nach Einbruch der
Dunkelheit in der Pyramide aufhielte, den würde der Fluch der
Pharaonen treffen. Schöne Aussichten im Finstern, kann man da nur
sagen! Aber Brunton war jemand, den normalerweise so schnell nichts
erschüttem konnte, denn er hatte schon so manches Abenteuer hinter
sich. So eine Art »Indiana Jenes« eben.
Bald verließ er die Große Galerie und lastete sich weiter zur
Königskammer vor. Er musste dazu die imposante Halle ganz hinauf und
dann durch einen engen, nur knapp einen Meter hohen Gang kriechen,
vorbei an der Vorkammner und nach einem weiteren kurzen Stück des
Kriechens schließlich hinein in die Königskammer. Der wunderbar
gearbeitete Rosengranit schimmerte im Schein von Bruntons Lampe
rötlich. Das einzige. was sich in diesem über zehn Meter langen, fünf
Meter breiten und fast sechs Meter hohen Raum befand, war der leere
Sarkophag, ebenfalls aus Granit.
Der Schriftsteller setzte sich daneben, löschte das Licht und schloss
für eine Weile seine Augen. Allerdings wollte er trotzdem unbedingt
wach bleiben, wach und konzentriert.
Mit der Zeit schien sich etwas in dem Raum zu verändern. Brunton hatte
die »Empfindung von unsichtbarem Leben« und schrieb später, »In meiner
Umgebung war etwas, das lebte und pulsierte, auch wenn ich immer noch
nicht das Geringste sehen konnte ... Ich bin ein Mann, der an
Einsamkeit gewöhnt ist - der sie sogar liebt - aber in der Einsamkeit
dieser Kammer war etwas Unheimliches und Beängstigendes.« Seine
Vermutung und seine Gefühle wurden ihm bald zur absoluten Gewissheit.
Was sich vor ihm abspielte, wurde immer realer. Kein Wunder, dass es
der einsame Forscher mehr und mehr mit der Angst zu tun bekam. »Angst,
Furcht und Schrecken wandten mir unentwegt ihre grässlichen Fratzen zu.
Ich wollte es nicht, aber meine Hände klammerten sich so fest wie ein
Schraubstock aneinander ... Meine Augen waren geschlossen, aber jene
grauen, dahingleitenden, nebelhaften Schemenbilder drängten sich in
meinen Gesichtskreis.
Und immer war da eine unerbittliche Feindseligkeit ... Ein Kreis
feindseliger Lebewesen umringte mich, es waren riesige Urkreaturen,
grausige Schreckensgestalten aus der Unterwelt in grotesken Formen. Um
mich schlossen sich wahnsinnige, grobe und satanische Erscheinungen
zusammen. Sie waren entsetzlich abstoßend ... Eine dieser schrecklichen
Erscheinungen kam auf mich zu, musterte mich mit einem bösen, starren
Blick und erhob drohend ihre Hände, so als ob sie mir Angst und
Schrecken einflößen wollte ... In nur wenigen Minuten erlebte ich
Dinge, die sich mir unauslöschlich in die Erinnerung eingruben. Diese
unglaubliche Szenerie wird auf immer in meinem Gedächtnis haften, so
scharf und deutlich wie eine Fotografie. Nie und nimmer im Leben würde
ich wieder ein solches Experiment riskieren. Nie würde ich wieder einen
nächtlichen Aufenthalt in der Großen Pyramide versuchen.«
Trotz dieser Hexenküche, die sich vor ihm entfaltete, blieb Brunton, wo
er war. Er saß neben dem Sarkophag und rührte sich nicht von der
Stelle. Und ziemlich mit einem Schlag nahm der Spuk - nein, noch kein
Ende, aber doch immerhin eine bemerkenswerte Wende. »Ich weiß nicht,
wieviel Zeit verging, bis ich eine neue Gegenwart in der Kammer
spürte.«
Brunton bemerkte nun die Nähe eines reinen, sehr wohlwollenden Wesens,
das ihn mit gütigen Augen ansah. Bald folgte ein zweites. Es näherten
sich zwei weiß gekleidete Gestalten, die Menschen weit mehr ähnelten
als die Schauergestalten, die ihn noch vor wenigen Momenten heimgesucht
hatten. Und was von ihnen ausging, war eine beruhigende »klösterliche
Ruhe«, so sagt Brunton. »War ich in eine vierte Dimension versetzt und
in einer fernen Epoche wieder auferweckt worden?«, fragt Brunton in
seinem Bericht, um sofort zu verneinen, da ihn die Gestalten doch auch
sehen konnten. Und wenn es doch so war? Er war verwirrt.
Diese Wesen betrachteten den Fremdling, und nach einiger Zeit sprachen
sie sogar zu ihm - »Der Weg des Traumes wird dich weit weg leiten vom
Pfad der Vernunft. Manche sind ihn schon gegangen und zerstörten
Geistes zurückgekehrt.« Er solle »den Weg für die Füße der Sterblichen«
besser nicht verlassen, und deshalb sei es auch nicht gut gewesen, dass
er an diesen Ort gekommen war. Brunton akzeptierte die Warnung,
erwiderte aber, er werde sich von dem einmal eingeschlagenen Weg sicher
durch nichts abbringen lassen. Das zuerst eingetretene Wesen antwortete
darauf-. »So sei es denn. Du hast Deine Wahl getroffen. Folge ihr also,
denn jetzt kannst du sie nicht mehr widerrufen. Lebe wohl!« Dann zog es
sich zurück. Nun näherte sich das zweite Wesen und sprach
bemerkenswerte Dinge zu ihm-. »Mein Sohn, die mächtigen Gebieter der
geheimen Kräfte haben sich deiner angenommen. Heute nacht sollst Du zur
>Halle des Wissens< geführt werden.« Brunton folgte dann den
weiteren Anweisungen der spukhaften Gestalten. Er legte sich in den
kühlen Granit-Sarkophag und spürte, wie eine eisige, unnatürliehe Kälte
von unten aufstieg. Sie wanderte von den Füßen immer weiter hoch. bis
sie bald seinen ganzen Körper erfasst hatte und Brunton ihn nicht mehr
spürte. Es war so, als ob ihm ein besonderes Betäubungsmittel
verabreicht worden wäre. Das war nicht allein die Kälte des Steines und
der ägyptischen Nacht, die in das einsame Gemach drang.
Bald hatte er das Gefühl, ihn würde ein tropischer Wirbelwind erfassen,
ein Strudel, der ihn durch eine schmale Öffnung hindurch nach oben zog:
»Ich sprang in das Unbekannte hinein, und ich war - frei ... in dieser
vierten Dimension, zu der ich durchgedrungen war!« War Brunton durch so
etwas wie ein Sternentor gegangen? Sein Körper wohl nicht, aber
offenbar sein Geist. Er sah sich aus der Höhe zeitweilig selbst, starr
auf dem Stein liegend - eine außerkörperliche Erfahrung. » >Das ist
der Zustand des Todes, nun weiß ich, dass ich eine Seele bin und dass
ich außerhalb meines Leibes bestehen kann< «, schoss es Brunton
durch den Kopf. » >Und ich werde das immer glauben, denn ich habe es
erprobt.< ... Ich hatte die Frage des Fortlebens auf eine wie mir
schien sehr befriedigende Art und Weise gelöst - durch tatsächliches
Sterben und Weiterleben.« - Und der alte Hohepriester sprach zu ihm:
»Nun hast Du die große Weisheit gelernt. Der Mensch, geboren ans dem
Unsterblichen, kann niemals wirklich sterben. Fasse diese Wahrheit in
Worte, die von den Menschen verstanden werden. Sieh her!« Nun sah
Brunton deutlich und unverwechselbar die Gesichter von drei
Verstorbenen, die er persönlich gekannt hatte. Sie sprachen ihn an und
er antwortete.
Dieser sehr ungewöhnlichen Erfahrung folgten noch weitere. Schließlich
spürte Brunton seinen Körper wieder und wie die Starre sich langsam
löste. Seine Umgebung wurde ihm bewusster, er tastete nach der Lampe,
schaltete hastig das Licht an und war so erregt, dass er lauthals zu
schreien begann.
Als die Pyramide am nächsten Morgen wieder geöffnet wurde, fand man
Brunton in einem Mitleid erweckenden Zustand vor. Staubig, übermüdet
und verwirrt stolperte er der bewaffneten Polizeiwache entgegen. Es
dauerte noch eine ganze Weile, bis er sich wieder einigermaßen erholt
hatte.
Der Schriftsteller Paul Brunton verfasste später etliche Bücher mit
mystischem Inhalt und schrieb unter anderem »Wissen vom Über-Selbst«.
Über seine Erfahrungen in der Kammer des Wissens schreibt er leider
nicht viel. Es scheint, als ob er nichts darüber sagen wollte oder
durfte, aber an einer Stelle bemerkt er zu den Informationen, die er in
der Pyramide erhalten hatte: »Das Geheimnis der Großen Pyramide ist das
Geheimnis deines eigenen Ichs. Die geheimen Kammern und und alten
Aufzeichnungen liegen alle in dir selbst beschlossen.« Das sagte ihm
der Hohepriester. Konnte das des Rätsels Lösung sein oder wurde Brunton
nur zum Sprachrohr einer Macht, die ihn benutzte, um ihn zu verwirren?
[...]
Ich würde seinen Bericht nicht so ernst nehmen, wenn ich nicht seit
Jahren schon eine Person kennen würde, die ganz bestimmt nicht zum
Spintisieren neigt, die aber wie Brunton das vielleicht etwas
fragwürdige Glück hatte, eine Nacht in der Großen Pyramide zu
verbringen. Diese Person, eine junge Journalistin, ich will sie hier
Carol nennen, ist in den langen Gesprächen, die wir miteinander geführt
haben, immer mit beiden Beinen fest auf dem Boden geblieben. Sie ist im
übrigen überhaupt nicht der Typ Mensch, der sich gerne zu Spekulationen
hinreißen lässt, und trennt Fakten immer von Fiktionen. Aber sie
versucht offen und vorbehaltlos auch Ungewöhnliches anzugehen, vor
allem seit ihrem Erlebnis in der Pyramide.
Ich habe keinen Grund, ihren Bericht anzuzweifeln. Sofort fällt daran
die Ähnlichkeit zu den Schilderungen von Brunton auf. Carol sagt, dass
sie im Jahr 1994 zusammen mit einer kleinen Reisegruppe unterwegs war,
die sich auch für die spezielleren Geheimnisse Ägyptens und der Großen
Pyramide interessierte. Der Leiter dieser Tour hatte sehr gute Kontakte
in Kairo und schaffte es, eine Erlaubnis zu erhalten, mit der Gruppe
eine Nacht in der Königskammer zu verbringen. Genau wie Brunton wurde
die relativ kleine Gruppe also abends in dem unheimlichen Gemäuer
eingesperrt und harrte dann in dieser majestätischen Kammer der Dinge,
die kommen sollten.
Mit dem Betreten der Pyramide sagte niemand mehr ein Wort. Das war eine
Abmachung, die jeder bis zum Schluss einhielt. Carol saß in der Mitte
der Kammer und blickte mit halb offenen Augen leicht nach unten, um
sich in die Situation einzustimmen und zu meditieren. Nach einer Zeit
spürte sie eine Veränderung. Von Anfang an schon hatte sie das Gefühl
gehabt, das Millionen Tonnen schwere Bauwerk um sie herum sei geradezu
schwerelos und transparent. In keinem Moment empfand sie die
Steinmassen um sich herum als bedrückende Last. [...]
Nach einer Zeit spürte sie eine Veränderung. Denn plötzlich tauchten
sehr ungewöhnliche Empfindungen und Bilder vor Carol auf -, zumindest
setzten erste verblüffende Erlebnisse ein, die aber völlig real auf die
junge Frau wirkten. Die Pyramide schien sich nach oben hin zu öffnen,
und aus der Höhe erfasste Carol ein Lichtstrahl. Über dieses Phänomen,
so hatte sie das Gefühl, gelangte sie in eine neue Umgebung. Sie befand
sich plötzlich zusammen mit einer Ägypterin in der Wüste. Diese
Ägypterin ähnelte ihr selbst in erstaunlicher Weise. Beide wanderten
nun eine lange, aber unbestimmte Zeit durch die Einsamkeit. Wie Carol
mir sagte, verlor sie mit dem Betreten der Pyramide ihr Zeitgefühl
vollkommen. Nach Stunden oder Tagen endete die Wanderung dort, wo sie
begonnen hatte, und Carol befand sich wieder an ihrem Platz - mitten in
der Königskammer.
Bald darauf bemerkte die junge Frau eine bedrohliche Veränderung im
Raum. Aus der dunklen Ecke hinter dem Granit-Sarkophag, genau an jener
Stelle, an der eine der Bodenplatten einst von Eindringlingen zerstört
worden war, sah sie drei düstere Gestalten hervortreten. Sie hatten
keine Gesichter. Als sie näher kamen, erkannte Carol, dass jedes dieser
Wesen in der Höhe der Brust ein großes Loch hatte. Es sah so aus, als
ob sie direkt durchgreifen könne. Ein erschreckendes Bild! Bedeutete
dieses Loch. dass den dunklen Wesen das Wesentliche fehlte - der Sitz
guter Kräfte, des Geistes als irdischer Teil des so schwer
definierbaren ägyptisehen ka oder der Seele ba? Carol spürtejedenfalls.
dass diese Geschöpfe an sich zwar weder gut noch böse waren, doch
offenbar einen vernichtenden Auftrag hatten. Sie sollten oder wollten
ihr das Leben nehmen.
Noch bevor Carol die Pyramide zu nächtlicher Stunde betrat, wurde sie
und der Rest der Gruppe vier Wochen lang in einige
Konzentrations-Übungen eingeführt. mit denen sie sich mental auf einige
möglicherweise recht ungewöhnliche Energien einstellen und lernen
konnte, sich von ebenso ungewöhnlichen Vorgängen um sie herum
abzuschotten. Carol begegnete wie gesagt allem offen, aber kritisch.
Außerdem war sie sowie auch die anderen an den vorausgehenden beiden
Tagen zur gewöhnlichen Zeit in die Große Pyramide gegangen. um sich
schon ein wenig mit der Umgebung vertraut zu machen. [...]
Nun saß Carol inmitten der Pyramide und drei bedrohliche. dämonische,
mit Spießen und anderen Waffen bewehrte Gestalten rückten immer näher
an sie heran. Carol spürte, dass sie nicht entkommen konnte. In diesen
Momenten änderte sich ihre körperliche Verfassung radikal; während die
Journalistin zuvor keine Beschwerden hatte, stellte sich nun starkes
Herzrasen ein, Übelkeit und das beängstigende Gefühl, jeden Augenblick
die Besinnung zu verlieren. Carol war nicht mehr in der Lage, sich vom
Fleck zu rühren. Sie wusste ohnehin, dass sie dieser Situation nicht
mehr entfliehen konnte.
Nun war Carol auf Armeslänge umstellt. Eines der Wesen näherte sich ihr
von hinten. Doch sie spürte, was sich da abspielte. Die Gestalt holte
mit einem Beil aus, um ihr das Rückgrat zu zerschmettern. Schon eine
Weile lang hatte Carol versucht, sich gegen die negative Energie der
unheimlichen Geschöpfe »abzuschirmen«, indem sie sich auf das Gegenteil
jener dunklen Macht konzentrierte. So sah sie sich mehr und mehr
eingehüllt in eine Art gedanklichen Bannkreis aus Licht. Ihr
Bewusstsein kämpfte gegen die nunmehr lebensbedrohlich wirkende
Erscheinung an: das Wesen hinter ihr schlug zu, doch die Axt prallte an
der visualisierten Lichtbarriere ab. Schließlich schwächte sich die
Kraft der Bilder ab und die Gestalten zogen sich zurück.
Ob Carol tatsächlich etwas geschehen wäre, wenn sie keine gedanklichen
Gegenmaßnahmen ergriffen hätte, das vermag niemand zu sagen. Vielleicht
wäre sie zusammengebrochen, ohne dass die anderen den Grund bemerkt
hätten.
Später erschienen dann, von der Wand hinter dem Sarkophag kommend, hell
gekleidete Gestalten. Frauen und Männer, die auf Carol »wie Eingeweihte
wirkten«. Sie strahlten Güte, Friedlichkeit und größte Weisheit aus.
»Und sie war etwas sehr Leuchtendes, geradezu Aurahaftes«, erinnert
sich Carol.
Zum Abschluss jener unvergesslichen Nacht legte sich einer nach dem
anderen für einige Minuten in den kalten Sarkophag. Nur zwei der
Anwesenden ließen davon ab. Niemandem von den anderen, die es wagten,
war wirklich wohl dabei, denn diese Aktion schien doch ziemlich
anmaßend zu sein - weshalb sich wie gesagt auch nicht alle dazu
durchringen konnten. Aber es war eine einmalige Chance und Erfahrung.
Als sich Carol in den Sarkophag legte, hatte sie das Gefühl, regelrecht
aufgeladen zu werden. Sie spürte ein Kribbeln, als ob sie von einem
durchdringenden Feld erfasst würde. Keinen Moment aber empfand sie das
steinerne Behältnis als letzte Ruhestätte eines Toten. Sie war sich
sicher, dass es genau wie die Königskammer als Ort der Einweihung
diente.
Als die Gruppe sich wieder aus der Macht der Pyramide gelöst hatte,
kehrte sie schweigend ins Hotel zurück. Erst am nächsten Tag sprachen
alle über ihre Erlebnisse. Und bis auf einen hatte jeder ganz
individuellle, unerklärliche Erfahrungen gemacht. Derjenige. der nichts
erlebte, war allerdings voller Angst gewesen. Er hatte nur dagesessen
und stundenlang mit aufgerissenen Augen in die fahl erleuchtete Kammer
gestarrt. Vielleicht sollte er nichts sehen.
Neun von zehn der Anwesenden aber sahen Dinge, die sie nie vergessen
werden. [...]
Die wichtigste Erfahrung, die Carol aus jener Nacht in der Pyramide
mitnahm, ist wie sie sagt. die Erkenntnis, dass sich ein Mensch im
Prinzip gegen alle negativen Kräfte und Anfechtungen wehren kann,
Natürlich begann Carol, ihre Erlebnisse in der Pyramide nach einiger
Zeit in Frage zu stellen. Denn letztendlich war es kaum irgend möglich,
ein solches Erlebnis in das Alltagsgeschehen einzuordnen! Trotzdem
lässt sie diese Erfahrung bis heute nicht mehr los. Für sie erscheint
noch heute alles vollkommen real, so real wie etwas nur eben sein kann.
Ich bin sicher, wir sollten die Vorgänge in der Königskammer ernst
nehmen. Ich will damit nicht sagen, dass die unheimlichen Erscheinungen
materiell real sind. Irgendetwas aber löst in unserem Gehirn Reize aus.
Signale. die entweder von uns selbst oder eher von einer anderen
»Intelligenz« produziert werden, die auf uns einwirkt. Meiner Meinung
nach - und ich versuche dabei, all das zu berücksichtigen. was ich im
Laufe der Zeit über die Pyramide in Erfahrung bringen konnte - findet
in der Königskammer ein Vorgang statt, der normalerweise extrem
schwache Effekte verstärkt. darunter auch den eigentlich all
gegenwärtigen Speicher der morphogenetischen Felder Sheldrakes. Dadurch
erhalten Anwesende nach einiger Zeit und vor allem in Situationen der
Stille direkten Zugang zum »Weltgedächtnis«. in dem alles, was je
gedacht und gesagt wurde, alles, was je geschehen ist - vor allem am
Ort des Verstärkers wieder lebendig wird. Dies ist ein geistiges
Sternentor, mit dem derjenige, der es durchschreitet, unabhängig wird
von Zeit und Raum, »frei« wird, wie Brunton sagte. [...] Wie sonst
sollten sich die zahlreichen Berichte erklären lassen? Allesamt als
Lügen und pure Erfindungen? Ich hielte das für eine sträflich
leichtfertige »Erklärung«!
Die Begegnung mit einem »mentalen« Sternentor! War es das, was auch
Napoleon Bonaparte erlebte, als er Ende des 18. Jahrhunderts auf seinem
Eroberungs-Feldzug immerhin genügend Zeit fand, auch einmal in die
Königskammer zu klettern? Der umtriebige Korse bat darum, man möge ihn
einige Zeit alleine darin lassen. Als er wieder herauskam, war er
auffallend blass und irritiert, so als ob er soeben etwas wirklich
Bedeutendes und Bewegendes erlebt hätte. So ähnlich erschien es wohl
auch einem Adjutanten, der sich mehr im Scherz die Frage erlaubte, ob
dem Feldherrn denn vielleicht gerade irgendetwas Geheimnisvolles
widerfahren sei. worauf Napoleon sehr schroff reagierte. Er wolle sich
darüber nicht äußern, so meinte er, und fügte wieder etwas beherrschter
hinzu, er wünsche, nie mehr danach gefragt zu werden. Viele Jahre
später machte er einmal ein paar vage Andeutungen, er habe in der
Pyramide einige Vorahnungen über seine Zukunft und sein Schicksal
gehabt, und kurz vor seinem Ende hätte er sich wohl beinahe einem
Vertrauten offenbart, doch selbst im Angesicht des Todes überlegte er
es sich noch einmal anders. Er hob gerade an, um den Vorfall zu
erklären, doch dann plötzlich schüttelte er beinahe resignierend den
Kopf und sagte: »Nein, nein. Es hat ja doch keinen Zweck. Sie würden
mir sowieso nicht glauben!« Dabei blieb es dann, und Napoleon nahm sein
ägyptisches Geheimnis mit ins Grab.
[...]
Das wäre eine merkwürdige, aber trotzdem denkbare Erklärung. Immerhin
gab es genug seltsame Vorfälle in der Großen Pyramide. Wenn wir uns die
Geschichte von Brunton noch einmal ansehen, fällt auf, dass er sich in
den Sarkophag legte beziehungsweise legen sollte und daraufhin in
geheimes Wissen eingeweiht wurde. War das der eigentliche Zweck des
Granit-Sarges? Nicht umsonst hat sich für viele die Frage gestellt,
wohin denn all die Mumien verschwunden waren. wenn die Pyramiden als
Grabstätten dienten. Die andere Folgerung war: Sie dienten eben nicht
als Gräber, also gab es auch keine Toten dort. Der Sarkophag war auch
kein »Fleischfresser« - nichts anderes nämlich bedeutet dieses
griechische Wort. Das hängt mit der Ansicht zusammen. dass das Gestein
solcher Behältnisse die Zersetzung des Toten fördert.
Doch der »Sarkophag« in der Königskammer mochte vielmehr einem geheimen
Ritus dienen und die Pyramide mit ihren Eigenschaften, geistige Kräfte
zu verstärken, als machtvoller Einweihungs-Tempel.
Die Mystikerin Helena Petrovna Blavatsky, die im 19. Jahrhundert lebte,
bezeichnete die Große Pyramide in ihrem Buch »Die entschleierte Isis«
-wohlgemerkt: Isis! - als »Tempel der Initiation«, also eben genau als
Einweihungs-Tempel, »in dem die Menschen zu den Göttem emporwuchsen und
die Götter zu den Menschen herabstiegen.« Helena Blavatsky sah in dem
Sarkophag eine Art Taufbecken der Einweihung. Der Novize wurde während
einer geheimen Zeremonie in den Sarg gelegt und vom obersten Priester
in einen tiefen Trance-Schlaf, den »Schlaf Siloains« versetzt, um dann
drei Tage und drei Nächte mit den Göttern in einem »vertrauten
Gespräch« zu stehen. Nach den über alles anstrengenden, das Bewusstsein
erweiternden Erfahrungen in der Königskammer musste sich der Adept,
nach drei Tagen als Eingeweihter auferstanden oder wiedergeboren, dann
in die Kammer der Königin begeben, um dort zur Ruhe zu finden und sich
sammeln zu können. Der schon erwähnte Peter Tompkins erklärt in seinem
wegweisenden Buch Cheops: »Die meisten der alten Philosophen und die
großen Lehrer der Religionen wie beispielsweise Moses und Paulus sollen
ihre Weisheit von den ägyptischen Eingeweihten bezogen haben. Zu den
Männern, auf die dies zutrifft, zählen Sophokles, Solon, Plato, Cicero,
Heraklit, Pindar und Pythagoras.
[...]
Wie Helena Blavatsky sagte, spiegeln sich in der »lsis-Pyramide« zwei
große Geheimnisse. Nach außen verkörpert ihre geheime Geometrie die
Natur und den Kosmos, ihr Inneres aber ist Ort der
Einweihungsmysterien. Der dänische Ingenieur Tons Brunds bestätigt den
ersten Teil dieser Aussage mit dem Hinweis, dass der Bauplan der Großen
Pyramide in einer hoch entwickelten, aber geheimen Geometrie - einer
hermetischen Geometrie - entworfenwurde. Brunds erinnert auch daran,
dass der Philosoph und Vater der griechischen Mathematik Pythagoras
erst einmal zweiundzwanzig Jahre lang Priester in einem ägyptischen
Tempel war, bevor er in seine Heimat zurückkehrte und dann
beeindruckende mathematische Zusammenhänge lehrte. [...] Unabhängig
davon machte sich später auch der weise Plato nach Ägypten auf, um in
die niedrigen Grade des hermetischen Wissens eingeweiht zu werden. So
langsam wird uns dabei klar, dass die alten Griechen nicht schlecht bei
den älteren Ägyptern »gespickt« haben.
Die heilige Geometrie der Großen Pyramide muss in einem engen
Zusammenhang mit den ungewöhnlichen Kräften und Vorgängen in ihrem
Inneren stehen. Das eine bedingt das andere. Im »Tempel der Einweihung«
spielen sich auch heute noch höchst ungewöhnliche Dinge ab. Auf einer
Ägyptenreise betrat der Franzose Antoine Bovis auch die Königskammer
der Großen Pyramide. Dort entdeckte er einige tote Tiere. darunter
Katzen., die sich verlaufen hatten und dort verhungert waren. Bovis
fiel auf, dass diese Tiere, obwohl sie schon lange dort gelegen haben
müssen, geruchlos waren. Sie befanden sich in einem dehydrierten
Zustand der Murnifikation. Irgendetwas musste dafür gesorgt haben. dass
die toten Körper erhalten blieben. Wie Bovis sagt, war es wohl ein
»Intuitions-Blitz«, der ihn auf den Gedanken brachte, die spezielle
Geometrie der Pyramide könne dafür gesorgt haben. Sie musste unbekannte
Kräfte entfesseln oder verstärken, die konservierend wirkten. Bovis
baute ein Holzmodell der Pvramide. mit exakt denselben geometrischen
Proportionen, und richtete die Kanten der quadratischen Grundfläche so
genau wie möglich nach den vier Himmelsrichtungen aus - so wie das auch
bei der echten Pyramide der Fall ist. Nun kam der eklige Teil des
Experiments. Der Franzose verschaffte sich eine tote Katze und ein
Stück Kalbshirn, das normalerweise sehr schnell den Weg des
Vergänglichen geht. Er legte die Überreste dann ins Innere seines
maßstäblichen Modells, genau in die Position und Höhe der Königskammer.
Seine beiden »Proben« trockneten zwar aus. aber sie verfaulten nicht
und gaben auch keine Gerüche ab, wie sie eigentlich in sogar
unerträglichem Maß zu erwarten gewesen wären. Wirklich seltsam.
Das war wieder ein handfestes ägyptisches Rätsel - oder doch nur
Hokuspokus? Der Versuch von Bovis regte zahlreiche weitere an.
Sicherlich haben Sie auch schon oft davon gehört, dass der tschechische
Ingenieur Karel Drbal bei seinen Pyramiden-Versuchen abgenutzte
Rasierklingen wieder auffrischen konnte. Eine davon benutzte er
zweihundert Mal. Sein Pyramiden-Rasierklingenschärfer erhielt sogar ein
Patent (Nummer 91304). Aber über das alles ist schon so viel
geschrieben worden, dass ich diese Geschichte hier sicherlich nicht
wiederkäuen muss. Ich wollte auch nur ergänzend daran erinnern, denn
dies alles scheint zu bestätigen, dass sich im Inneren der Pyramide
wirklich ungeahnte Kräfte entfalten, von denen wir fast schon erwarten
können, dass sie unser Bewusstsein beeinflussen. Ich habe übrigens vor
vielen Jahren selbst eher spaßeshalber mit einigen Modell-Pyramiden und
Pflanzen experimentiert. Einige sehr mikrige Pflanzen, die massive
Wachstumsprobleme hatten. habe ich längere Zeit mit rund vierzehn Tage
altem Wasser gegossen. Dann verwendete ich ebenfalls rund vierzehn Tage
altes Wasser, das allerdings in einer Pyramide untergebracht war - in
Königskammer-Position. Ich staunte nicht schlecht, als sich die
Pflanzen von da an gut zu entwickeln begannen. Eine Pflanze, die lange
Zeit lediglich aus einem einzigen kläglichen Blatt bestanden hatte, das
aus einem kleinen Blumentopf ragte, begann geradezu immens zu wachsen.
Sie erreichte eine Höhe von mehr als einem Meter, dann knickte sie
unter ihrem eigenen Gewicht ab. [...]
Wer nun nach physikalisch greifbaren Beweisen für unerklärliche Kräfte
der Pyramide fragt, auch die gibt es. [...]