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 Eine neue Lesart des Koran



Über das Buch "die syro-aramäische Lesart des Koran - ein Beitrag zur Entschlüsselung de Koranspeache". Von Christoph Luxenburg. Berlin 2000.


Eher selten findet man in der zahlreichen Literatur über den Islam textkritische Untersuchungen des Koran. Das liegt daran,  dass die Voraussetzung einer solch aufklärerischen Arbeit eine gewisse Säkularisierung ist, die von islamischen Fanatikern nicht selten mit Mord bestraft wird. Faruq Foda, ein ägyptischer 'Säkularist', wie man solche Wissenschaftler in der arabischen Welt gerne nennt, wurde auf offener Straße erschossen, der palästinensische Professor Suliman Basheer aus dem Fenster geworfen, Nasr Hamed Abu Zaid musste Ägypten verlassen, der Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus wurde in Kairo attackiert.

Der Autor Christoph Luxenburg (Pseudonym) geht davon aus, dass ein "in weiten Teilen ... philologisch nicht geklärter Text" (S. 1) erst richtig verstanden werden kann, wenn man die syro-aramäische Sprache heranzieht, in deren Umfeld der Koran als erstes arabisches Buch entstanden ist. Dann könnten erst die bisher als dunkel bezeichneten Stellen des Koran - manche sprechen sogar von bis zu einem Viertel des Textes - in ihrer Aussage entschlüsselt werden.



Als der Prophet Mohammed im Jahr 632 n. Chr. starb, existierte der Koran in seiner heutigen Form noch nicht.  Es gab Personen, die Teile des Korans auswendig kannten, und es existierten schriftliche Aufzeichnungen. Aber bereits die ersten Nachfolger Mohammeds unternahmen Versuche, Koranausgaben anzufertigen. Die bedeutendste Ausgabe ist die des dritten Kalifen, Uthman (644-656), auf welcher der uns heute vorliegende Korantext beruht. Uthman ließ Abschriften in die damals wichtigsten islamischen Städte schicken. Abweichende Versionen sollten vernichtet werden. Die Redaktoren, die in den folgenden Jahrhunderten den Text festlegten, versuchten dies nun von einem arabischen Sprachverständnis her, wobei sie nicht mehr wussten, dass die Verfasser des Koran eine Reihe von syrischen Worten in arabischer mehrdeutiger Schrift niedergeschrieben hatten.

Somit forderten Gelehrte Bereits im 9. Jahrhundert eine textkritische Interpretation der Suren und es kursirten auch noch über Jahrhunderte hinweg die sogenannten «unkanonischen» Lesarten, die zur Uthman-Ausgabe andere Varianten bei grammatisch und inhaltlich schwierigen Stellen anboten. Im Laufe der Jahrhunderte setzten sich dann jedoch die Hardliner durch und die Schrift wurde zum Dogma. Im Zuge der Entstehung des Dogmas von der Reinheit der koranischen Sprache wurde es dann auch immer schwieriger, über die nichtarabischen Elemente im Koran zu sprechen. Allah persönlich habe gewissermaßen arabisch gesprochen. Christoph Luxenberg stellt das in Frage. Für den Autor handelt es sich um eine aramäisch-arabische Mischsprache, die von den späteren Generationen nicht mehr ganz verstanden und deshalb vielfach falsch gelesen wurde.

Grundlage seines sprachwissenschaftlichen Vorgehens ist zum einen die enge Verwandtschaft der beiden Sprachen Syro-aramäisch und Arabisch, die viele gemeinsame Wortstämme besitzen, aber in den jeweiligen Sprachen oft Bedeutungsvarianten kennen, zum anderen die Schreibweise des Arabisch: Im 7. Jahrhundert verfügte sie noch nicht über diakritische Punkte, die gleich geschriebene Konsonanten voneinander unterschieden. Die Buchstabenzeichen für die Konsonanten - Vokale wurden zunächst nicht geschrieben - sind somit nicht eindeutig, das damalige Arabisch ließ also Mehrdeutigkeiten zu. Einige Zeichen können sogar bis zu fünf verschiedene Konsonanten bezeichnen. Erst in der späteren Zeit werden die Zeichen durch diakritische Punkte über oder unter ihnen eindeutig den einzelnen Konsonanten zugeordnet.

Zunächst zieht Christoph Luxenburg bei seinem Vorgehen noch einmal die große Koranexegese von Tabari und das Hauptlexikon «Lisan Al-Arab» heran. Wenn das zu keinem Ergebnis führt, dann prüft er, ob es im Syro-Aramäischen eine gleich lautende Wurzel gibt, die eine andere Bedeutung hat, aber zum Kontext besser passt. Ein weiterer Schritt ist die Änderung der diakritischen Punkte, um so zu einem sinnvolleren arabischen Wort zu gelangen. Als Nächstes werden die diakritischen Punkte verändert, um zu einer aramäischen Wurzel zu kommen. Der letzte Schritt versucht durch die Rückübersetzung des arabischen Ausdrucks ins Aramäische, ihn über die Semantik des syro-aramäischen Ausdrucks zu erschließen. Alle einzelnen Schritte sind durch Rückgriff auf klassische arabische und syrische Lexika belegt.

Und tatsächlich ergeben die neuen Bedeutungsvorschläge auf einmal einen klaren Sinn und passen besser in den Kontext des Koran. Beispiel für eine Fehllesung sind für Luxenburg die Passagen über Huris oder Paradiesjungfrauen und die Jünglinge, die im Jenseits auf einen warten sollen. Er zeigt auf, dass der Begriff Huri ("die weißen", Adjektiv fem. Plural) keineswegs weiße (Jungfrauen) bezeichnet, die den Männern im Paradies zur Verfügung stehen, sondern "weiße (Trauben)" meinen, ein Anklang an Trauben und Wein, die im christlichen Paradies zur (symbolischen) Ausstattung gehören und die der christliche Theologe Ephräm der Syrer in Hymnen, die damals im Umlauf waren, besungen hat; ähnliches gilt für die angeblichen Jünglinge.

Ebenfalls zeigt der Autor auf, dass der Koran sich selbst als Teil und Bestätigung des Alten und Neuen Testaments versteht: "Damit besteht er zum einen aus »getreuen« Auszügen aus der »Urschrift«, d.h. der »kanonischen Schrift«, zum anderen aus mit der Urschrift »vergleichbaren«, etwa apokryphen und sonstigen Schriften entnommenen Teilen" (S. 83). Schon der Begriff "Koran" stammt aus der christlich-syrischen Liturgie und bezeichnete ein Buch, das die gottesdienstlichen Lesungen de Bibel enthielt.

So liegt etwa auch der Sure 108 eine christlich-syrische Liturgie zugrunde und Sure 96, die als älteste Sure gilt, ist sogar ein durch und durch christlicher Text, der mit der Aufforderung endet: "nimm an der Abendmahlliturgie teil" (S. 296). Von daher erhärtet Luxenburg die bisher unbewiesene Hypothese Günter Lülings, dass es einen vorkoranischen Grundstock von Hymnen aus der christlich-syrischen Liturgie gibt, die in den Koran eingeflossen sind.

Der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban kennt Luxenbergs Studien genau und bestätigt, was bisher als Tabu galt: Der Koran hat erkennbare christliche Wurzeln. "Was hier totgeschwiegen wird, ist, dass der Islam im Grunde genommen eine jüdisch-christliche Sekte ist, deren Anliegen eine Übersetzung der Bibel ins Arabische ist, um den Monotheismus unter den Arabern zu verbreiten. Damit wird die ganze islamische Religion in Frage gestellt", erklärt Ghadban. Islamwissenschaft und auch Religionswissenschaft müssen also in einer Reihe von Punkten umdenken.



Quellenvorlagen:
http://www.nzz.ch/2001/02/03/li/page-article732B7.html
http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/2000/imp000510.html
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/43151/
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/politischeliteratur/131598/


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