Um zu verstehen, wie Erkenntnis funktioniert, muss man sich erst
einmal den Zustand anschauen, der unmittelbar vor dem
Erkenntnisvorgang vorliegt: den Zustand, in dem man die Dinge zwar
betrachtet aber noch nicht mit dem Denken reflektiert, in dem noch
nicht die allergeringste Aussage über die Dinge vorgenommen wird
und nur die reine Erfahrung der Sinneswahrnehmungen, der Gefühle,
existiert. In dem unmittelbar gegebenen Weltbild ist nämlich
alles noch unbestimmt, zusammenhanglos, nichts ist wichtiger als
etwas anderes, die Gegensätze von Materie und Geist, von Welt
und Ich gibt es noch nicht.
Ist es berechtigt, zu sagen, dass
die Wahrnehmung nur subjektiv sei? Nein, denn wir bringen sie nicht
hervor. Es ist nicht möglich, willkürlich die wahrgenommene
Welt zu verändern. Nur deshalb kann es überhaupt ein
Erkenntnisstreben geben, denn würden wir die Welt selbst
erzeugen, würden wir ihren Inhalt schon vollkommen kennen und
müssten sie nicht erst kennen lernen, um sie zu verstehen. Dabei
spielt keine Rolle, ob unsere Organisation die Welt in Wahrnehmungen
übersetzt. Ob Ton jetzt ursächlich Ton ist oder Schwingung
oder eine göttliche Eingebung, ändert gar nichts an seiner
Realität - der Ton entsteht außerhalb unserer selbst, er
kommt an uns als objektiv Gegebenes heran.
(Es ist
schlichtweg paradox, zu sagen: Unser Gehirn verwandelt elektrische
Signale in die Wahrnehmung von Licht - dies beweise, dass unsere
Wahrnehmung nur subjektive Vorstellung sei. Wäre dieser Schluss
richtig, wäre schließlich auch die Untersuchung nur
subjektiv, höbe sich also selber auf. Man kann nicht aus einer
Vorstellung beweisen, dass sie eine Vorstellung ist. ) Irrtum kann es
nur im Erkenntnisakt geben. "Die Sinnestäuschung ist kein
Irrtum. Ein Fehler in der Erkenntnis entstünde erst, wenn wir
bei der Kombination der gegebenen Wahrnehmungen im Denken [die
Erscheinung] unrichtig deuteten."*
Will man nun
erklären, wie Erkenntnis möglich ist, muss man den Bereich
der Erfahrungswelt aufsuchen, der erst durch den Erkenntnisakt
entsteht. Bei Begriffen und Ideen wissen wir unmittelbar, dass diese
nur durch den Erkenntnisakt in den Bereich des Gegebenen eintreten.
Das, was dem Rest der Welt, außerhalb der Begriffe und Ideen,
die wir tatsächlich selbst hervorbringen, der Welt fehlt,
nämlich der gesetzliche Zusammenhang ist in den Begriffen und
Ideen schon enthalten. Denn wir bringen sie selbst hervor. "Deshalb
nun, weil wir innerhalb des Gedankeninhaltes stehen, denselben in
allen seinen Bestandteilen durchdringen, sind wir imstande, dessen
eigenste Natur wirklich zu erkennen."**
Dass wir die
Gedanken selbst hervorbringen, heißt jedoch nicht, dass ihr
Inhalt nur subjektiv sei. Erst durch das Denken entstehen die
Begriffe von Subjekt und Objekt. "Das Subjekt denkt nicht
deshalb, weil es Subjekt ist, sondern es erscheint sich als ein
Subjekt, weil es zu denken vermag."
(Wäre das Denken
nur subjektiv, würde es den von ihm geschaffenen Begriff Subjekt
relativieren. Wenn man sich fragte, ob das Denken subjektiv oder
objektiv sei, müsste man um die Frage objektiv zu lösen,
Zugang zu etwas haben hinter dem Denken, einer Art Meta-Denken. Ein
Meta-Denken, dass ja nur durch das gewöhnliche Denken entsteht
kann, fällt es zusammen und bleibt dasselbe. Man kann also nur
nach der Logik urteilen, und diese besagt, dass nur die Antwort: das
Denken ist objektiv, - keinen Widerspruch erzeugt.
Das das Denken
subjektiv sei, ist also schlichtweg undenkbar.)
Obwohl das
Denken Tätigkeit des Subjekts ist, ist es dem Denken nicht
möglich, Dinge willkürlich aneinanderzureihen. Ich kann
nicht entscheiden, einen Baum als Hund zu erkennen. Das liegt daran,
dass wir Begriffe und Ideen vollkommen kennen, sie sind nicht leere
Form wie die Objekte der Sinneswahrnehmung, sondern Inhalt.
(Von
einem Zwang kann man dabei nicht sprechen, denn wir denken logisch
aus vollständiger Einsicht in die Sache.) Damit ist auch klar,
dass es nicht so viele Gedankenwelten gibt, wie Menschen, sondern nur
eine einzige, an der alle denkenden Wesen Anteil haben. Ein Dreieck
bleibt immer ein Dreieck, egal von wie vielen Menschen es gedacht
wird.
Das Bewusstsein findet sich also in einer doppelten
Wirklichkeit wieder: auf der einen Seite die Welt der gegebenen
Wahrnehmungen auf der anderen Seite die Welt des ebenso objektiven
Denkens.
Kennzeichen der Erfahrungswelt ist die Besonderheit:
jedes Objekt ist von allen anderen unterschiedlich. Kennzeichen der
Begriffswelt ist die Einheit, ein Begriff bleibt unendlich oft
vorgestellt, immer derselbe. Weder findet man den Begriff in der
Erscheinungswelt, noch die Erscheinung im Begriff. Keines von allen
Dreiecken der Erfahrungswelt ist das Dreieck des Begriffs. "Der
allgemeine Inhalt des Begriffs lässt sich nicht anschauen, die
Besonderheit der Wahrnehmung nicht begreifen. Aber die Besonderheiten
der Wahrnehmungen fügen sich dem Allgemeinen des Begriffs ein,
sie erweisen sich als zum Begriff gehörig. (...) Begriff und
Wahrnehmung können nur als zwei Seiten einer und derselben
Wirklichkeit angesehen werden. Sie widersprechen sich nicht, sondern
sie ergänzen sich vielmehr. Das ganze der Wirklichkeit ist weder
im Begriff noch in der Wahrnehmung erschöpft, sondern in der
Einheit beider. (...)
Die volle Wirklichkeit ergibt sich uns
im Moment der Synthese von Wahrnehmung und Begriff in der denkenden
Beobachtung. Durch diesen Akt erhält aber der Begriff eine
individuelle Gestalt, einen Bezug zu dieser bestimmten Wahrnehmung.
Ist dann die Wahrnehmung wieder aus dem Gesichtskreis verschwunden,
dann bleibt der Begriff mit der Beziehung zur Wahrnehmung zurück
und ist, je nach individueller Fähigkeit, erinnerbar. Und dieser
auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Begriff ist die Vorstellung.
(...)
Die 'Idee des Erkennens' ist in der Vereinigung der
durch die Organisation des Bewusstseins zerrissenen Wirklichkeit in
die bewusste Wirklichkeit realisiert. Und in dieser Realisierung der
Idee des Erkennens liegt die Bedeutung des Bewusstseins." Die
Organisation des Bewusstseins trennt also die Einheit der Welt, um
sie dann durch eigene Tätigkeit im Erkenntnisakt bewusst wieder
zu vereinigen. Würde das erkennende Bewusstsein sich einer schon
fertigen Welt gegenüberfinden, in der Begriff und Wahrnehmung
nicht mehr durch uns zusammengefügt werden müssen, wäre
es ganz unerklärlich, wie dieses Bewusstsein überhaupt
entstehen könnte.
Manche Menschen glauben, die
Erkenntnis verbinde etwas Bekanntem mit etwas Unbekanntem, das hinter
der Welt liegt und damit etwas existiere, wozu wir mit unserer
Erkenntnis nie Zugang haben können. Doch aus dem hier
abgeleiteten Wahrnehmungsbegriff folgt, dass die Erkenntnis nur zwei
uns wohlbekannte Bereiche der Wirklichkeit miteinander, verbindet die
Wahrnehmungswelt und die Begriffswelt. Dadurch besteht keine Grenze
des Erkennens.